Hallo! Ich kann Ihnen gerne bei Fragen zu unseren Servicedienstleistungen weiterhelfen.
Etwas ist schief gelaufen
14.10.2025 von Viktor Siebert
Unser Praxisfall mit einem Yaskawa‑Servomotor SGMSH-30DCA6F-OY und was er über den Marktplatzhandel verrät

Wir kaufen regelmäßig Servoantriebe als Ersatz für unsere Industriekunden – schnell, zuverlässig, dokumentiert. Ende August 2025 brauchte ein Kunde kurzfristig einen Yaskawa SGMSH‑30DCA6F‑OY. Was zunächst wie ein Routinekauf aussah, wurde zu einer Fallstudie darüber, wie leicht im Marktplatzhandel der Eindruck von „neu“ und „in Deutschland lagernd“ entstehen kann, obwohl die Realität komplexer ist. Wir schildern unseren Befund sachlich, mit Daten und Messungen, ohne Pauschalvorwürfe damit Beschaffungs‑, QS‑ und Produktionsteams fundierte Entscheidungen treffen können.

Das Angebot: Seriöser Eindruck auf den ersten Blick

Gefunden haben wir den Motor auf der deutschen eBay‑Seite, Artikelnummer 136310508714. Das Listing war in akkuratem Deutsch verfasst, mit professionellen Bildern, Artikelstandort: Deutschland, ausgewiesenen USt‑ und WEEE‑Angaben sowie einer Lieferzeit von 3–4 Tagen. Alles sah nach einem unkomplizierten B2B‑Kauf aus.

Der unsichtbare Klick: Anbieteradresse in China

Erst wenn man die rechtlichen Informationen zum Verkäufer aktiv aufruft (ein zusätzlicher Klick, den viele übersehen), zeigt sich die Anbieteradresse – in unserem Fall China. Das ist nicht automatisch unzulässig; es erklärt jedoch, warum Angaben wie „Artikelstandort Deutschland“ und „Lieferzeit 3–4 Tage“ in der Praxis nicht immer zusammenpassen. Für Einkäufer, die auf Planbarkeit angewiesen sind, ist diese Differenz wichtig.

Die Timeline: Versprochen vs. tatsächlich geliefert

  • Bestellt & bezahlt: 29.08.2025
  • Versprochen: 3–4 Tage Lieferzeit
  • Zugestellt: 10.09.2025 (also 12 Kalendertage)

Die Verzögerung allein wäre noch kein Drama. Zusammen mit den restlichen Befunden ergab sich jedoch ein Gesamtbild, das wir hier transparent machen.

Erstprüfung: Äußere Merkmale und erste Messungen

In unserer Werkstatt läuft bei solchen Fällen die Kamera. Unboxing mit Zeitstempel, Fotodokumentation, Sicherung der Angebotsseite als PDF/A. Der erste Blick: glänzend polierte Antriebswelle, das Typenschild wirkt außergewöhnlich frisch.
Dann die Routine: Isolationsmessung, Wicklungswiderstände, Lauf am Teststand. Elektrisch verhielt sich der Motor unauffällig, soweit so gut.

Daten gegen Daten: Encoder vs. Typenschild

Der nächste Schritt ist bei uns Standard: Gerät per Yaskawa‑Software auslesen. Der Encoder meldete einen Herstellzeitpunkt Oktober 2006. Auf dem Motortypenschild stand jedoch Baujahr 2018. Diese Diskrepanz ist nicht trivial: In modernen Antrieben sind Encoder oft das „Gedächtnis“ des Systems. Wenn Encoder‑Daten und Typenschild widersprechen, ist das ein ernstzunehmender Hinweis auf Aufarbeitung, Umbau oder Austausch von Komponenten.

Zerlegung: Das Innenleben erzählt die Wahrheit

Wir haben den Motor vollständig zerlegt. Im Inneren fanden sich Schmutzspuren, die Kugellager waren deutlich verschlissen, an mehreren Stellen zeigten sich Gebrauchsanzeichen, die man von außen nicht sieht. Zusammen mit dem auffällig neuen Typenschild entstand ein konsistentes Bild: kosmetisch aufgearbeitetes Altgerät, technisch funktionsfähig, aber offenkundig älter, als das Typenschild nahelegt.

Warum solche Fälle riskant sind

In industriellen Anlagen zählen Verfügbarkeit, Sicherheit und Planbarkeit. Auch ein aufgearbeiteter Motor kann laufen, doch versteckter Verschleiß (z. B. an Lagern oder Dichtungen), veraltete Encoder oder geänderte Kennwerte können zu Fehlerbildern führen, die man nicht im ersten Moment versteht:

  • Falsche Auflösung/ParameterRegelungsprobleme und Qualitätsschwankungen
  • Erhöhte Vibration/Lagergeräuscheverkürzte Lebensdauer
  • Unerwartete AusfälleStillstand, Eilbeschaffung, Mehrkosten

Für Produktionsverantwortliche ist der Unterschied zwischen „ehrlich aufgearbeiteter Gebrauchtware“ und „als neu erscheinender Altware“ nicht akademisch, sondern betriebskritisch.

Muster im Markt: „Neu“, „NOS“, „wie neu“ doch oft nur Kosmetik

Wir beobachten seit einiger Zeit eine wachsende Zahl von Angeboten, die „neu“, „NOS“ („New Old Stock“), „refurbished“ oder „wie neu“ versprechen. Dahinter steckt nicht selten 10–20+ Jahre alte Technik, teils aus Baureihen, die beim Hersteller nicht mehr produziert werden. Verpackung, Etiketten und Fotos wirken frisch; die Hardware ist es oft nicht.
Hinzu kommt die Transparenzlücke zwischen Artikelstandort und Anbieteradresse: Wer nur den prominent sichtbaren Standort liest, kann von EU‑Lagerung ausgehen; im Kleingedruckten steht jedoch die tatsächliche Firmierung im Ausland. Das erschwert Reklamation, Gewährleistung und die Einschätzung von Lieferzeiten.

Woran man „Kosmetik statt Qualität“ erkennt

  • Unnatürlich frisches Typenschild (Schriftbild, Kleberänder, Material) bei sichtbar alter Baureihe
  • Überpolierte Welle/Schrauben, nachträglich überlackierte Gehäuseteile
  • Widersprüchliche Datums‑ oder Serienangaben (Encoder vs. Typenschild vs. Dokumentation)
  • „Neu in OVP“, obwohl die Baureihe seit Jahren abgekündigt ist
  • Fehlende belastbare Prüfprotokolle, ausweichende Antworten bei Detailfragen
  • Artikelstandort EU, aber Anbieteradresse außerhalb der EU (nur per Zusatzklick sichtbar)

So prüfen wir professionell, unser Prozess:

Wir beschäftigen uns beruflich mit der Echtheits‑ und Zustandsprüfung von Servoantrieben. Unser Vorgehen ist reproduzierbar und dokumentiert:

  1. Sicherung der Belege: Angebotsseite als PDF/A, Screenshots von Standort‑/Anbieterangaben, Kommunikationsverlauf, Versandlabel, Tracking.
  2. Elektrische Basisprüfung: Isolationsmessung (inkl. Prüfspannung & Temperatur), Wicklungswiderstände pro Phase, optional Hochspannungsprüfung.
  3. Funktionsprüfung am Teststand: Stromaufnahme, Temperaturgang, Laufgeräusch, Vibration.
  4. Software‑Auslese: Encoder/Device‑Daten, Seriennummern, ggf. Build‑Informationen, Abgleich mit Typenschild und Herstellerdokumentation.
  5. Mechanische Begutachtung: Lagerzustand, Wellen‑ und Sitzspiel, Dichtungen, Stecker, eventuelle Fremdteile.
  6. Zerlegung bei Verdacht: Innenraumsauberkeit, Spuren von Aufarbeitung, Komponententausch.
  7. Dossier: Fotomappen, Messprotokolle, Prüfbericht verständlich für Einkauf, QS und Produktion.

Checkliste für den Einkauf (zum Mitnehmen)

  • Encoder/Device auslesen und mit Typenschild abgleichen (Datum, SN, Auflösung)
  • Anbieteradresse aktiv öffnen (rechtliche Informationen) und dokumentieren
  • WEEE‑Registrierung & USt‑IdNr. prüfen; Listing & Chat als PDF/A archivieren
  • Prüfprotokoll vor Kauf verlangen (Isolation, Widerstände, Lauf)
  • Hersteller‑Statement zu Baujahr/Kompatibilität einholen
  • Bei Zweifel: professionell prüfen lassen, oder lassen

Meldung und Reaktion: Fakten, nicht Emotionen

Wir haben unseren Fall dokumentiert gemeldet. Die Fallbearbeitung war sehr schnell abgeschlossen. Ohne die Plattformbewertung an dieser Stelle zu kommentieren, halten wir fest: Sorgfältige Eigenprüfung und saubere Dokumentation bleiben – derzeit – die zuverlässigsten Werkzeuge, um sich als Unternehmen zu schützen und gleichzeitig konstruktiv auf mehr Transparenz hinzuwirken.

Verantwortungsbewusst formulieren

Wörter wie „Fälschung“ oder „Betrug“ verwenden wir öffentlich nur, wenn sie eindeutig belegt sind. In vielen Fällen handelt es sich um aufbereitete Gebrauchtware, die als neu oder neuwertig erscheint. Entscheidend ist, dass Käuferinnen und Käufer die Fakten kennen: Baujahr, Zustand, Originalität, Kompatibilität. Genau diese Fakten bereiten wir neutral auf.

Was wir uns von Plattformen wünschen

  • Klarere Darstellung der Anbieteradresse neben dem Artikelstandort (ohne „Klick ins Kleingedruckte“)
  • Standardisierte Pflichtangaben zu Baujahr/Erstinbetriebnahme bei „neu“, „NOS“ und „refurbished“
  • Nachvollziehbare Prüfmechanismen für kritische Kategorien im B2B‑Technikhandel
  • Verbindliche Prüfprotokolle als Bestandteil der Angebotsdokumente

Wie es weitergeht, Transparenz als Prinzip

Wir werden weitere Fälle aufarbeiten, anonymisiert aufbereiten und Lernpunkte teilen. Parallel bieten wir Unternehmen an, verdächtige oder kritische Antriebe unabhängig prüfen zu lassen. So vermeiden wir Fehlkäufe, ungeplante Stillstände und Sicherheitsrisiken und stärken den fairen Wettbewerb.

Fazit

Unser Yaskawa‑Fall zeigt, wie schnell ein seriös wirkendes Angebot bei genauerer Betrachtung Fragen aufwirft: Artikelstandort vs. Anbieteradresse, Encoder‑Datum 10/2006 vs. Typenschild 2018, polierte Welle, verschlissene Lager. Der Motor lief – aber Funktion ist nicht gleich Zuverlässigkeit. Für industrielle Anwendungen zählt, was mess‑ und belegbar ist. Genau dort setzen wir an: mit Methodik, Dokumentation und Transparenz.

Über uns

Wir sind ein Team aus Antriebs‑ und QS‑Spezialist:innen. Wir prüfen Servoantriebe auf Echtheit, Zustand und Eignung, technisch fundiert, herstellerübergreifend. Unsere Berichte sind so aufbereitet, dass Einkauf, Qualitätssicherung und Produktion gleichermaßen damit arbeiten können. Wenn Sie einen Verdachtsfall haben oder vor dem Kauf Sicherheit möchten: Kontaktieren Sie uns. Wir helfen, Kosten, Zeit und Nerven zu sparen, bevor aus einem vermeintlichen Schnäppchen ein Produktionsrisiko wird.

Weitere Informationen wie Preis, Lieferzeit zu erwähnten Geräten:

Weitere Informationen zu unseren Yaskawa-Reparaturen finden Sie hier.

📞 Kontaktieren Sie uns gerne, wenn Sie Fragen zu Ihrer Yaskawa-Antriebstechnik haben. Unser erfahrenes Team steht Ihnen jederzeit mit Rat und Tat zur Seite.

Technische Spezifikation

ParameterWert
ModellSGMSH-30DCA6F-OY
Leistung3,0 kW
Nennmoment9,8 N·m
Nenndrehzahl3 000 U/min
Spitzendrehzahl5 000 U/min
Nennstrom8,9 A
Nennspannung400 V AC
IsolationsklasseF
KühlartGeschlossen, Eigenkühlung (TENV)
Encoder17-Bit-inkremental (131 072 Impulse/U)
Gewichtca. 12 kg
HerstellerYaskawa Electric Co., Ltd., Japan

Typische Alarme und Fehler (Auszug aus Sigma II User’s Manual)

CodeAlarmbezeichnungBeschreibungUrsacheMaßnahme
A.02Parameter BreakdownEEPROM-Daten fehlerhaftSpeicherfehlerNeu starten, Parameter neu laden
A.03Main Circuit Encoder ErrorPower-Circuit-Daten fehlerhaftElektronikstörungServopack prüfen
A.05Motor / Amplifier MismatchFalsche KombinationUnpassendes DriveTypen prüfen
A.10Overcurrent / OverheatÜberstrom oder Kühlkörper zu heißÜberlast, fehlende KühlungStromaufnahme kontrollieren
A.30Regeneration ErrorRegenerationsschaltung defektWiderstand defektAustausch des Widerstands
A.40OvervoltageZwischenkreisspannung zu hochNetzüberspannungNetz prüfen
A.41UndervoltageSpannung zu niedrigNetzabfallEinspeisung prüfen
A.51OverspeedDrehzahl zu hochEncoderfehlerParameter prüfen
A.71Overload HighMomentanüberlastMechanische SchwergängigkeitMechanik prüfen
A.81Encoder Backup ErrorVersorgung Encoder unterbrochenBatterie leerBatterie wechseln
A.82Encoder Checksum ErrorPrüfsumme fehlerhaftSpeicherfehlerEncoder tauschen
A.83Encoder Battery ErrorNiedrige BatteriespannungBatterie leerAustausch empfohlen
A.C9Encoder Communication ErrorKeine Kommunikation Encoder–DriveKabelbruch, KontaktfehlerVerbindung prüfen
A.CAEncoder Parameter ErrorFalsche EncoderparameterParametrierfehlerWerte anpassen
A.d0Position Error OverflowPositionsabweichung zu großBlockierung / Überlast

Hauptbaugruppen und Komponenten

BaugruppeBezeichnung / CodeFunktionHinweise
Stator3-Phasen-Wicklung (400 V)Magnetfeld-Erzeugung für DrehmomentIsolationsklasse F
RotorPermanentmagnetrotorDrehmomentübertragung auf WelleHochenergetische Magnete
EncoderUTSIH-B17CK (oder kompatibel)Positions- und Drehzahlerfassung17-Bit-Inkremental
LagerPräzisions-RillenkugellagerMinimiert Reibung und RadialspielAustausch bei Wartung
Bremse (optional)Ogura SBR-112V-200BHaltebremse bei Achsanwendungen24 V DC Versorgung
WellenabdichtungDoppeldichtung (Simmering)Schutz gegen Staub / EmulsionRegelmäßige Prüfung
AnschlusssteckerPower- & Encoder-SteckerVerbindung zum Servopack SGDH-SerieKodierung beachten
GehäuseAluminiumdruckguss, schwarz lackiertSchutz & KühlkörperKorrosionsschutz beschichtet

Gerne stehen wir Ihnen für Fragen und Anfragen zur Verfügung.

Kontaktieren Sie uns jederzeit auch über unsere social media Kanäle.

Kontaktieren Sie uns

Pflichtfelder gekennzeichnet mit (*)